Haltung und Ausbildung von Therapiepferden

Im reittherapeutischen Alltag haben es die vier Therapiepferde des Pferdeprojekts, Kali, Kembali, Murphy und Bannio, mit vielen Menschen zu tun. Im Pferdeprojekt arbeiten zurzeit zehn Reittherapeut:innen. Dazu kommen die zahlreichen Klient:innen, die mehrmals im Jahr wechselnden Praktikant:innen und die ehrenamtlichen Helfer:innen, die uns bei der Stallarbeit und in den Therapiestunden unterstützen. Pferde sind deshalb so gut als „Therapeuten“ geeignet, weil sie sich immer auf ihr Gegenüber einstellen, versuchen herauszufinden was der- oder diejenige von ihnen möchte und sich entsprechend zu verhalten. Das tun sie jederzeit: in den Therapien, beim Training, aber auch wenn jemand sie „nur“ zur Weide oder zum Futterplatz führt.


Von Yoni Musialik

Auch bei guter Absprache verhält sich dabei jede Person etwas anders, kommuniziert anders mit dem Pferd, erlaubt oder verbietet unterschiedliche Dinge. Pferde nehmen auch kleine Gesten, Stimmlagen und damit auch die Unterschiede im Verhalten von uns Menschen sehr genau wahr, und es ist eine Herausforderung für sie, dennoch immer zu verstehen, was Mensch von ihnen möchte. Für uns im Pferdeprojekt ist es eine der größten Herausforderungen, dafür zu sorgen, dass die Pferde trotzdem nicht überfordert und verwirrt sind, sondern weiterhin mit Neugier und Wohlwollen auf Menschen reagieren. Denn dies ist das Allerwichtigste für eine gute reittherapeutische Arbeit. Im Training achten wir daher darauf, dass maximal zwei bis drei feste Bezugspersonen regelmäßig mit dem Pferd arbeiten, sich dabei immer wieder gut absprechen und gemeinsam den „roten Faden“ halten. Wir gestalten das Training abwechslungsreich, stellen es individuell abgestimmt auf die Bedürfnisse des jeweiligen Pferdes in Absprache mit Trainer:innen, Osteopathin und Tierarzt zusammen. Dabei orientieren wir uns an den Grundlagen der klassischen Dressur und den biomechanisch- anatomischen Gegebenheiten – immer mit dem Ziel, den Pferden trotz der anstrengenden Arbeit als Therapiepferd ein langes, gesundes und schmerzfreies Leben zu ermöglichen. Ein ausgewogenes Training hält die Pferde körperlich und psychisch gesund.

Jedes Pferd hat eine eigene Persönlichkeit Unsere Wallache Bannio und Murphy lieben vor allem ausgedehnte Ausritte bei denen sie die Umgebung erkunden, neue Dinge entdecken und auch mal nach Herzenslust galoppieren können. Unsere beiden „Omas“ Kali und Kembali freuen sich über lange Spaziergänge. Für einen gesunden und starken Skelett- und Muskelapparat ist aber auch ein regelmäßiges Dressurtraining auf dem Reitplatz oder in der Reithalle sehr wichtig. Damit ihnen das nicht langweilig wird, gibt es zusätzlich Training an der Longe oder frei laufend, über Stangen und mit kleinen Sprüngen. Besonders unsere Kali überrascht uns immer wieder, wenn sie trotz ihres sehr hohen Alters von 33 Jahren mit Freude und Elan bei der Sache ist. Kali war in jungen Jahren nämlich ein begeistertes Springpferd, die auch unerfahrene Reiter:innen sicher über die Hindernisse gebracht hat! Wie wir Menschen haben so auch die Pferde ihre ganz eigene Persönlichkeit und ihre Vorlieben. Wenn wir ihnen aufmerksam begegnen, stellen wir bald fest, an welcher Stelle sie besonders gern gekrault werden und wie das Training gestaltet werden muss, damit es auch den Pferden Spaß macht.

Wenn ein neues Pferd ins Pferdeprojekt kommt, gewöhnen wir es zunächst an die Materialien und Gegenstände, denen es in den Therapien begegnen wird. Ein „Schrecktraining“ wird absolviert, damit das Pferd auch bei durch die Reithalle fliegenden Bällen und lauten Kindern ruhig und gelassen bleibt. Das Pferd wird daran gewöhnt, dass ein Reiter sich auf dem Pferd bewegt, auch mal im Liegen oder Rückwärts reitet. Der Einstieg in die Therapien erfolgt dann nach und nach, um das Pferd nicht zu überfordern.

In unserem Team besprechen wir regelmäßig das Wohlergehen der einzelnen Pferde und bemühen uns, optimale Bedingungen für sie herzustellen. Neben einem guten Training ist für uns die Haltung der Pferde im Offenstall dabei eine wichtige Grundvoraussetzung. Die Pferde leben im stabilen Herdenverband, können sich frei auf dem Paddock bewegen, Sozialverhalten leben und somit ihren natürlich Verhaltensweisen nachgehen. Fast das gesamte Jahr über dürfen sie tagsüber für mehrere Stunden auf die Weide. Dort können sie ihr natürliches Bedürfnis, einen großen Teil des Tages im langsamen Schritt grasend zu verbringen, ausleben.

Verstärkung für Kali, Kembali, Bannio und Murphy

Wie ihr wisst, sind Kali und Kembali nicht mehr die jüngsten und werden in den Therapiestunden nur noch sehr begrenzt eingesetzt. Damit die Arbeit für Bannio und Murphy nicht zu viel wird, haben wir das große Glück, das Pferd eines Teammitglieds für einzelne Therapien „ausleihen“ zu dürfen und möchten ihn euch hier einmal vorstellen. Das ist Pepe! Pepe ist ein Tinkerwallach. Er ist 9 Jahre alt und ein besonders geduldiges und braves Pferd. So hat er auch schnell die Herzen unserer Klient:innen erobert und ist fester Bestandteil unsere Pferde-Teams geworden!